Lars von Trier, jetzt, wo so viel über ihn geredet wird der Einfachheit halber LVT genannt – im Gleichzug sozusagen mit dem wirklichen Skandal der Woche, den um „DSK“ – beherrscht immer noch die Diskussionen. “Ok, ich bin ein Nazi!” könnte zur alles bestimmenden Headline dieses Festivals werden. Gestern wurde folglich sogar Pedro Almodovar in der Pressekonferenz zu “The Skin I Live In” gefragt, ob er ein Nazi sei. Indifferentes Schulterzucken war die Antwort. Uff. Paolo Sorrentino heute schickt in “This Is The Place” einen geschminkten Sean Penn als gealteten Rockstar auf die Suche nach dem KZ-Aufseher seines jüdischen Vaters. Man möchte gar nicht mehr wissen, was auf dieser Pressekonferenz gefragt wurde!
Wenn es einen Weg gab, Öl ins Feuer zu gießen, dann hat das Festival mit der Erklärung LVTs zur „persona non grata“ einen gefunden. “Kriegsgewinnler” ist natürlich die versammelte Presse, ohne die das Ganze nie passiert wäre, übrigens. Was und wem mit dem Bann von Lars von Trier geholfen wird, mag im Dunkeln bleiben. Da der Däne nun nicht durch Verbreitung dunkler Ideologien aufgefallen ist – geschweige denn durch Ausfälle wie die von Mel Gibson, der am gleichen Tag auf dem Roten Teppich herzlich begrüßt wurde ! – sondern durch schlechte Witze, die eigentlich eher die blöden Frager entblößen sollten, wird hier weder der Aufklärung noch dem Antifaschismus ein Dienst geleistet. Statt dessen wechseln sich die pompösen Erklärungen ab. Zuletzt hat sich seine Produktionsfirma von seinen Äußerungen distanziert: “We would like to make it perfectly clear that Zentropa does not share Lars von Trier’s view of what might be funny to say at a press conference, and that his comments are a direct contradiction of Zentropa’s values,” so sein langjähriger Partner Aalbæk Jensen.
LVT gibt unterdessen Interviews, in denen er seine Bemerkungen bedauert (es sei ihm offenbar „zu gut“ gegangen, er werde künftig wieder mehr Medikamente nehmen), das Geächtetendasein aber sichtlich auch genießt. Eine seiner größten Ängste, so enthüllt heute der „Guardian“, sei wohl gewesen, dass sein Film in Cannes durchfalle und man ihm „zu gute Beziehungen zum Festival“ unterstelle, das ihn selbst mit schlechten Filmen noch einlade … Nun, diese Angst hat sich als so was von unbegründet erwiesen… Freud schrieb bekanntlich an einer Stelle, dass nichts glücklicher mache als ein Klumpfuß (weil man sich dann fürs Glück nicht mehr schuldig fühlen muss), in diesem Sinne geht es dem bekanntlich von Depressionen und Ängsten getriebenen LVT im Moment wahrscheinlich so gut wie selten in seinem Leben: Müssen wir uns Lars als lachenden Menschen vorstellen?
LVT, das sei zum Schluss noch nachgeschoben, ist – oder muss man schon sagen war – einer der höchstdekorierten der im Wettbewerb versammelten Regisseure: Ein Jury-Preis, ein Großer-Jury-Preis und eine Goldene Palme gehen auf sein Konto, olympisch übersetzt eine Bronze-, eine Silber- und eine Goldmedaille. Ein „Technical Grand Prix“ für „Element of Crime“ und der Preis für Charlotte Gainsbourg als beste Schauspielerin in “Antichrist” müsste auch noch mit in die Punktewertung … Die Dardenne-Brüder haben „bloß“ zwei Goldene Palmen und einen Drehbuchpreis, Nanni Moretti eine Goldene Palme und ein Regie-Preis, Nuri Bilge Celan „nur“ einen Grand Prix und einen Jury-Preis. Und Almodóvar fühlt sich seit Jahr und Tag schlecht behandelt: Regiepreis für „Alles über meine Mutter“ und ein Drehbuchpreis für „Volver“ … Der Rest (Sorrentino, Kaurismäki, Kawase, Cavalier) hat bislang lediglich eine Auszeichnung von Cannes vorzuweisen.