Schade eigentlich. Mit „Melancholia“ ist Lars von Trier ein schöner, elegischer Film gelungen, eher unspektakulär und ganz ohne Horror und Gewalt – wenn man einmal von dem Umstand absieht, dass am Ende die Welt zu den Klängen von Richard Wagner untergeht. Er war sicherlich einer der Filme, die für einen Preis in Frage gekommen wären, im Kritikerspiegel der Zeitschrift „Screen“ hat er es auf eine satte 2,4 gebracht, das dürfte am Ende der Saison, um einmal fußballerisch zu sprechen, für einen guten Platz im oberen Mittelfeld reichen. Anders als bei der Frankfurter Eintracht, aber das ist ja leider nun kein Thema hier…
Aber nun dürfte es vorbei sein mit den Chancen. Das Direktorium des Festivals hat Lars von Trier rausgeschmissen, wegen seiner, nun, Hitler-freundlichen Äußerungen auf der gestrigen Pressekonferenz. Was ja irgendwie meine Rubrik ist. Also, gestern saß er gut aufgelegt und zu jeder Provokation bereit auf dem Podium, mit seinem Ensemble, nur Kiefer Sutherland und Charlotte Rampling haben gefehlt. Ich glaube, von Trier versucht aus jeder Presskonferenz seine eigene Show zu machen, liebt die Pose, die Geschmacklosigkeit, den Skandal. Das ist für unsereinen natürlich amüsanter als die belanglosen Nettigkeiten, und bei der Präsentation von „Antichrist“ vor zwei Jahren ist er auch schon zu großer Form aufgelaufen. Er sei der größte Filmregisseur der Welt, hat er gesagt, soweit ich mich erinnere.
Diesmal hat er über Alkoholismus (Sutherland) und Depressionen (Dunst) gespottet, und auf die Frage, wieso er denn keine Komödien mache geantwortet: „Melancholia“ sei doch eine, eine Tagödie von ihm würde doch keiner aushalten. Und auf ein Interview von ihm in einer dänischen Zeitung angesprochen, hat er sich dann doch vergalloppiert – und erklärt, dass er ein bisschen mit Hitler sympathisiere. „Er ist nicht das, was man einen guten Kerl nennen würde, aber ich verstehe vieles von ihm“, sagte er. Kirsten Dunst hat ihm dann was ins Ohr geflüstert, wahrscheinlich, dass er nun endlich seinen Mund halten soll. Aber der Meister war nicht zu stoppen: „Ich glaube, dass Hitler ein paar schlechte Dinge gemacht hat, klar, aber ich kann ihn mir in seinem Bunker vorstellen, am Ende.” Außerdem sei er von der Architektur Albert Speers beeindruckt. Und er konnte nicht aufhören: Als er gefragt wurde, ob er nicht einmal „on a greater scale“, also mit einem größeren Budget, arbeiten wolle, sagte er „Ich bin ein Nazi und denke in größeren Dimensionen“.
Am späten Mittwochabend hatte seine Agentur versucht, die Wogen zu glätten und eine Erklärung verbreitet, in der Lars von Trier sich für seine Äußerungen entschuldigte und betonte: „Ich bin weder antisemitisch, habe keine rassistischen Vorurteile, noch bin ich ein Nazi.” Heute vormittag hat das Direktorium des Festivals in einer Erklärung von Triers Äußerungen als intolerabel verurteilt und Lars von Trier zur „persona non grata“ erklärt. Damit ist er vom Festival ausgeschlossen, und die Aussicht seines Films, einen Preis zu gewinnen, dürften auf Null gesunken sein. Und wahrscheinlich wird auch eine Einladung für einen seiner nächsten Filme ausbleiben. Aber vielleicht sehen wir den dann in Berlin, da muss ja auch nicht jeder Regisseur anwesend sein …