Neulich vorm Weltuntergang

18 Mai 2011 von bschweizerhof

So also geht die Welt unter. Nicht mit einem Knall, sondern einem Seufzer, nein besser noch: zwei ungleichen Schwestern, Kirstin Dunst und Charlotte Gainsbourg, die zusammen mit dem kleinen Sohn der einen unter einem provisorischen Holzgestänge kauern, sich an der Hand halten, die eine ganz ruhig, die andere voll zitternder Panik. Am Horizont nimmt ein Planet immer gigantischere Ausmaße an, bis schließlich die Atmosphäre Wellen zu schlagen scheint und das Bild sich in Flammen auflöst. So zumindest malt sich Lars von Trier in „Melancholia“, der heute in Cannes Weltpremiere feiert, das Ende der Welt aus. Das Erstaunliche daran ist, dass dieser Schluss nicht nur beeindruckt oder überwältigt, sondern berührt.

„Melancholia“ – das ist im Film der Name des Planeten, der hier auf die Erde zurast. Er dürfte zu jener Sorte erfundener Mythologien gehören, wie Lars von Trier sie so überzeugend schon für seinen letzten Film, „Antichrist“ ersonnen hat. Damals übrigens, vor zwei Jahren hier in Cannes, fragte ihn jemand nach seinen Quellen, er habe da etwas im Internet gelesen. Von Trier lachte damals recht höhnisch und meinte, „Im Internet? Ich habe mir das alles selbst ausgedacht“. In „Melancholia“ nun sieht man Charlotte Gainsbourg nach dem Planeten googlen, und entsprechende Fundstellen sind auf ihrem Computerbildschirm auch zu sehen. Von Trier hat sein „Fälschungssystem“ perfektioniert…

Im Lauf des Wettbewerbs war dies nun schon der dritte Film, in dem es um nichts weniger als den Menschen und das ganze Universum geht, nach Malicks „Tree of Life“ und „Hanezu“ von der Japanerin Naomi Kawase. Von Trier aber beschränkt seine Eingangssequenz, die ganz ähnlich wie bei Malick aus Traumbildern der Hauptpersonen und Aufnahmen aus dem All besteht, auf zehn Minuten. Dann folgt Teil 1, Justine, und nach einer Stunde Teil 2, Claire.

Kirsten Dunst spielt Justine, deren Hochzeitsfeier im ersten Teil geschildert wird. Am Anfang ist sie eine strahlende, bildhübsche Braut, die als Teil eines glücklich kichernden Paares zwei Stunden zu spät zur eigenen Feier kommt. Claire, verkörpert von Charlotte Gainsbourg, hat den Abend organisiert und findet das weniger lustig. Auch ihr Mann, den ein ganz wunderbar nuancierter Kiefer Sutherland spielt, ist da bereits schlechter Laune. Und das ist erst der Anfang einer Feier, in der die volle Dysfunktionalität einer bourgeoisen Familie und ihrer Umgebung nach und nach entblößt wird. John Hurt und Charlotte Rampling sind als längst voneinander geschiedene Brauteltern zu sehen, die sich an Rücksichtslosigkeit und Hässlichkeit gegenüber ihren Töchtern in nichts nachstehen.
Aber was sind das für Probleme angesichts eines drohenden Weltuntergangs?

Im zweiten Teil steht Claire im Mittelpunkt, die zwar für ihre depressive Schwester einsteht und ihr Halt bietet, aber über den sich der Erde nähernden Planeten in Panik gerät. Ihr Mann, der beschwört, dass die Wissenschaft errechnet habe, es käme zu keiner Kollision mit der Erde, kann sie nicht richtig beruhigen – und kauft selbst heimlich Vorräte für den Tag X. Und während Claire immer panischer wird, findet Justine aus ihrer Depression zu einer trancehaften Ruhe…

Größtenteils mit Handkamera gefilmt, gleicht „Melancholia“ den Dogmafilmen von einst, „Fest“ oder „Mifune“. Die Stimmung hier ist ähnlich flirrend, voller unguter Spannungen und ungelöster Probleme von Einsamkeit, Verbitterung, Zuneigung und Hassgefühlen. Spürbar sind auch noch Relikte jener Bourgeoisiekritik, die sich an der Demonstration ergötzt, wie Reichtum und Überfluss doch immer wieder Depression und Wahnsinn hervorbringen. Aber am Ende ist man wie gesagt einfach berührt. Man versteht die Panik von Claire, wie auch die traumtänzerische Ruhe von Justine, man verurteilt hier niemanden mehr, wenn es ans wirkliche Ende geht. Man merkt irgendwie, dass Lars von Trier hier etwas von seinen ganz eigenen Ängsten zeigt, und als Zuschauer mag man ihm nicht verweigern, sie ernst zu nehmen.

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